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Geschichte der Kinesiologie: von Goodheart bis heute

Von einer Zufallsbeobachtung in einer Chiropraktik-Praxis der 1960er-Jahre bis zu den vielen Richtungen von heute: Wie aus der „angewandten Kinesiologie“ eine weltweit verbreitete Methode wurde – und wie sie in die Schweiz kam.

RB
Team Balancio
Aktualisiert am 15. April 2026 · 6 Min. Lesezeit
Historische Notizbücher und anatomische Zeichnungen als Sinnbild für die Entstehung der Kinesiologie
Die Kinesiologie entstand aus der Chiropraktik der 1960er-Jahre · Themenbild

Die Kinesiologie ist noch keine 70 Jahre alt und hat sich in dieser Zeit stark verzweigt. Ihr Ursprung liegt in der Chiropraktik der USA, ihre Verbreitung in einem einfachen Buch für Laien – und ihre Beurteilung fällt bis heute unterschiedlich aus. Dieser Beitrag erzählt die Geschichte der Kinesiologie sachlich und ordnet sie am Ende wissenschaftlich ein.

Was der Begriff bedeutet

Das Wort Kinesiologie stammt aus dem Griechischen: kinesis heisst Bewegung, logos Lehre. Wörtlich übersetzt ist es also die „Lehre von der Bewegung“. Genau hier lohnt sich eine Unterscheidung, die oft für Verwirrung sorgt.

Es gibt die akademische Kinesiologie als wissenschaftliche Bewegungslehre, die an Universitäten unterrichtet wird und sich mit Muskeln, Gelenken und Biomechanik befasst. Davon zu trennen ist die komplementärtherapeutische Kinesiologie, um die es in diesem Beitrag geht. Sie arbeitet mit dem sogenannten Muskeltest und versteht sich als Begleitung zur Entspannung und zum persönlichen Gleichgewicht. Beide teilen den Namen und die Wurzel „Bewegung“, sind aber grundverschieden.

1964: George Goodheart und die Applied Kinesiology

Die Geschichte beginnt in Detroit mit dem amerikanischen Chiropraktiker George Goodheart (1918–2008). In den 1960er-Jahren beobachtete er in seiner Praxis einen Zusammenhang zwischen der Spannung einzelner Muskeln und dem Zustand des Körpers. Daraus entwickelte er 1964 eine Methode, die er Applied Kinesiology (angewandte Kinesiologie) nannte.

Kern seines Ansatzes war der Muskeltest: Der Behandelnde prüft dabei nicht die Kraft eines Muskels, sondern dessen Reaktion auf einen sanften Druck. Goodheart deutete einen plötzlich nachgebenden Muskel als Hinweis auf ein Ungleichgewicht. Sein Leitgedanke lautete sinngemäss, im Zustand der Muskelfunktion spiegle sich der Zustand des ganzen Organismus. Später verband er seine Beobachtungen mit Vorstellungen aus der traditionellen chinesischen Medizin, etwa den Meridianen.

Goodheart gründete gemeinsam mit anderen Chiropraktikern das International College of Applied Kinesiology (ICAK). Dieses nahm bewusst nur Fachleute mit medizinischer oder wissenschaftlicher Grundausbildung auf – die Applied Kinesiology blieb damit zunächst eine Sache für Ärztinnen, Zahnärzte und Chiropraktiker.

Gut zu wissen

„Applied Kinesiology“ und „Kinesiologie“ werden im Alltag oft gleichgesetzt, meinen aber nicht dasselbe: Die Applied Kinesiology ist die ursprüngliche, fachgebundene Form, aus der sich die vielen heute bekannten Laien-Richtungen erst entwickelt haben.

Touch for Health: Kinesiologie für Laien

Den entscheidenden Schritt zur Verbreitung machte John Thie, ein Chiropraktiker und langjähriger Weggefährte Goodhearts. In den 1970er-Jahren fasste er die Grundlagen der Applied Kinesiology so weit vereinfacht zusammen, dass auch Laien sie zur Selbsthilfe und Vorsorge nutzen konnten. Seine Richtung nannte er Touch for Health („Gesund durch Berührung“).

1973 erschien sein gleichnamiges Buch, das sich weltweit hunderttausendfach verkaufte; 1975 folgte eine Stiftung, die die Methode verbreitete. Touch for Health wurde damit zum Türöffner: Es brachte die Kinesiologie aus den Praxen hinaus zu einem breiten Publikum. Mehr zu dieser Richtung lesen Sie im Beitrag Touch for Health erklärt.

1964
Goodheart begründet die Applied Kinesiology
1973
Thies Buch „Touch for Health“ erscheint
1984
erste Berufsausbildung in Zürich

Dennison, Brain Gym und viele Richtungen

Aus diesem gemeinsamen Ursprung entstanden ab den 1970er- und 1980er-Jahren zahlreiche eigenständige Richtungen. Ehemalige Schüler und Weiterentwickler prägten je eigene Schulen:

  • Educational Kinesiology / Brain Gym: Der amerikanische Pädagoge Paul Dennison entwickelte in den frühen 1980er-Jahren aus kinesiologischen Ansätzen die Edu-Kinestetik und das bekannte „Brain Gym“ – Bewegungsübungen, die das Lernen erleichtern sollen.
  • Behavioral Kinesiology: Der Psychiater John Diamond verband kinesiologische Ideen mit psychologischen Fragestellungen.
  • Weitere Schulen: Später kamen viele spezialisierte Richtungen hinzu, etwa mit Schwerpunkt auf Stress, Emotionen oder Ernährung.

So erklärt sich, warum „Kinesiologie“ heute kein einheitliches Verfahren bezeichnet, sondern ein ganzes Feld verwandter Methoden mit demselben Wurzelgedanken – dem Muskeltest.

Ankunft in Europa und der Schweiz

Ab den frühen 1980er-Jahren gelangte die Kinesiologie über Kurse und Bücher nach Europa und in die Schweiz. Hier entstanden eigene Ausprägungen: In den 1980er-Jahren entwickelte etwa die Psychologin und Sozialarbeiterin Rosmarie Sonderegger die „Integrative Kinesiologie“, die kinesiologische Techniken mit gesprächstherapeutischen und psychologischen Elementen verband.

1984 startete in Zürich eine erste dreijährige Berufsausbildung. Mit den Jahren professionalisierte sich das Feld: 2015 wurde die Kinesiologie in die Organisation der Arbeitswelt KomplementärTherapie (OdA KT) aufgenommen. Seither gibt es einen anerkannten Ausbildungsweg mit Branchenzertifikat und – über die höhere Fachprüfung – dem eidgenössischen Diplom „KomplementärTherapeut/in“ mit Methode Kinesiologie. Wie sich das heute in der Praxis darstellt, zeigt der Beitrag Kinesiologie in der Schweiz.

JahrMeilenstein
1964George Goodheart (USA) begründet die Applied Kinesiology
1973John Thie veröffentlicht das Buch „Touch for Health“
1970erTouch for Health macht die Methode für Laien zugänglich
frühe 1980erPaul Dennison entwickelt Brain Gym / Educational Kinesiology
ab 1980erVerbreitung in Europa und der Schweiz, zahlreiche Richtungen
1984erste dreijährige Berufsausbildung in Zürich
2015Aufnahme in die OdA KT (Schweiz)

Wie die Wissenschaft die Methode einordnet

So verbreitet die Kinesiologie ist, so klar fällt die wissenschaftliche Einordnung aus. Der Muskeltest – das Herzstück nahezu aller Richtungen – ist wissenschaftlich nicht validiert. Kontrollierte Untersuchungen konnten keine Zuverlässigkeit über den Zufall hinaus nachweisen. Als eine wesentliche Erklärung gelten ideomotorische Effekte: winzige, unbewusste Muskelbewegungen, die eine Erwartung des Testenden oder der getesteten Person widerspiegeln können.

Daraus ergibt sich eine wichtige Abgrenzung: Die Kinesiologie versteht sich als Begleitung zur Entspannung, zum Stressabbau und zum Wohlbefinden – nicht als Diagnose oder Behandlung von Krankheiten. Ein Muskeltest ersetzt keine medizinische Untersuchung. Bei gesundheitlichen Beschwerden gehört die Abklärung in ärztliche Hände.

Kein Ersatz für ärztliche Abklärung

Die Kinesiologie ist keine Heilmethode und stellt keine Diagnosen. In der Schweiz gehört sie nicht zu den fünf Methoden, welche die Grundversicherung übernimmt; einzelne Zusatzversicherungen leisten je nach Register wie EMR oder ASCA einen Beitrag. Bei anhaltenden oder ernsten Beschwerden wenden Sie sich bitte an eine Ärztin oder einen Arzt.

Die Geschichte der Kinesiologie ist also die Geschichte einer Idee, die von einer Praxis in Detroit aus um die Welt ging – populär, vielfältig und bis heute wissenschaftlich umstritten. Wer sie ausprobiert, sollte sie als das nehmen, was sie sein möchte: eine sanfte Begleitung, kein medizinisches Verfahren.

Häufige Fragen

Wer hat die Kinesiologie erfunden?

Als Begründer gilt der amerikanische Chiropraktiker George Goodheart, der 1964 die Applied Kinesiology entwickelte. Aus seinen Beobachtungen mit dem Muskeltest entstanden später viele weitere Richtungen wie Touch for Health und das Brain Gym.

Was bedeutet der Begriff Kinesiologie?

Das Wort leitet sich vom griechischen kinesis (Bewegung) und logos (Lehre) ab und heisst „Lehre von der Bewegung“. Zu unterscheiden sind die komplementärtherapeutische Kinesiologie mit Muskeltest und die akademische Kinesiologie, also die wissenschaftliche Bewegungslehre.

Was ist der Unterschied zwischen Applied Kinesiology und Touch for Health?

Die Applied Kinesiology von George Goodheart war Fachleuten mit medizinischer Ausbildung vorbehalten. John Thie fasste die Grundlagen in den 1970er-Jahren als Touch for Health zusammen, damit auch Laien sie zur Selbsthilfe nutzen konnten. Sein Buch erschien 1973.

Wann kam die Kinesiologie in die Schweiz?

Ab den frühen 1980er-Jahren verbreitete sich die Methode in Europa und der Schweiz. 1984 startete in Zürich eine erste dreijährige Berufsausbildung. 2015 wurde die Kinesiologie in die OdA KT aufgenommen, seither ist ein anerkannter Abschluss möglich.

Ist die Kinesiologie wissenschaftlich anerkannt?

Nein. Der Muskeltest ist wissenschaftlich nicht validiert; kontrollierte Studien zeigen keine Zuverlässigkeit über Zufall und ideomotorische Effekte hinaus. Die Kinesiologie versteht sich als Begleitung zur Entspannung, nicht als Diagnose oder Behandlung von Krankheiten. Bei Beschwerden ist eine ärztliche Abklärung nötig.

Wer war Paul Dennison?

Paul Dennison war ein amerikanischer Pädagoge, der in den frühen 1980er-Jahren aus kinesiologischen Ansätzen die Educational Kinesiology (Edu-Kinestetik) und das „Brain Gym“ entwickelte. Sein Fokus lag auf Bewegungsübungen, die das Lernen unterstützen sollen.

Quellen & Literatur

  1. OdA KT – Organisation der Arbeitswelt KomplementärTherapie. Methode Kinesiologie, Berufsbild und Ausbildungswege. Abgerufen 2026.
  2. Wikipedia. Kinesiologie (Parawissenschaft): Entstehung, Richtungen und wissenschaftliche Einordnung. Abgerufen 2026.
  3. Kenney JJ et al. George Goodheart, Jr., D.C., and a history of applied kinesiology. J Manipulative Physiol Ther, 1997.